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5 typische Denkfehler von Corporates

Und wie du davon lernen kannst


Aus der Reihe „die häufigsten Denkfehler“ im App-Geschäft kommen heute die Corporates an die Reihe, also grosse, oft auch international agierende Unternehmen

mit mehreren Tausend Mitarbeitern. Eines vorweg: Corporates sind keine Schnellboote, sondern Tanker. Und wenn ein Tanker einmal fährt, dann hält er den Kurs.

Eine schnelle Links- oder Rechtskurve ist in der Regel nicht möglich. Daraus ergeben sich gerade in der extrem schnellen und agilen App-Welt Herausforderungen. 



Corporates

Hier sind meine Top 5 der häufigsten Denkfehler von Corporates im Kontext des App-Geschäfts:


1. „Die App muss alle unseren internen Anforderungen erfüllen.“

Oft läuft es so: Als Teil der „Digitalisierungs-Initiative“ wird das Digital-Team beauftragt, eine App zu entwickeln oder eine alte zu ersetzen. Wie im Konzern üblich, gibt es eine Vielzahl von Interessengruppen, Richtlinien, Alt-Systemen, Ziel-und Prozessvorgaben mit denen das Digital-Team jonglieren muss. Ziel ist es dann, ein Konzept zu entwickeln, das a) eine Chance auf Approval hat und b) den Chef, Bereichsleiter oder Vorstand zufrieden stellt. Wo ist der Fehler?


Das Konzept erfüllt zwar die internen Vorgaben, lässt aber die Kunden völlig ausser Acht. Schliesslich führt der Project-Owner sein Jahresgespräch mit seinem Chef und nicht mit den App-Nutzern. Ich habe schon so manchen Product-Owner aufgrund dieses Dilemmas am Rande der Verzweiflung erlebt. Meine Empfehlung ist, dem Digital-Team erstmal maximale Freiheit einzuräumen und erst hinterher das Konzept hinsichtlich des Einklangs mit Konzern-übergreifenden Richtlinien zu überprüfen und nicht andersherum. Ansonsten besteht die Gefahr, dass gute Ideen im Keim erstickt werden. 


2. „Die App muss besser sein, als die unserer Wettbewerber.“ 

Ok, logisch. Was aber ist, wenn die Apps der Wettbewerber richtig schlecht sind. Reicht dann ein „besser“? Ich denke nicht, denn dann wird früher oder später ein Schnellboot kommen, das alle Tanker überholt. Die meisten Corporates sind risiko-avers und neigen dazu, ihren Markt zu verteidigen, anstatt ihn zu erweitern. Das ist angesichts des Shareholder-Drucks auch nachvollziehbar, aber für die App-Entwicklung nicht förderlich. 


Meine Empfehlung ist, sich nicht am Wettbewerb zu orientieren, sondern an führenden Apps anderer Kategorien. Hier gibt es zahlreiche Best-Practices, zum Beispiel für das Onboarding oder für Engagement- und Retention, von denen man lernen kann. Leider tun das viele grosse Unternehmen zu selten. Gerade die deutschen Engineers neigen dazu, die Dinge erstmal von der technischen und nicht von der Kundenseite zu betrachten, was zu verkopften und wenig nutzerfreundlichen Apps führt. Spielst du, um zu gewinnen oder um nicht zu verlieren? Die Antwort auf diese Frage macht einen grossen Unterschied in der Herangehensweise an dein App-Projekt.


3. „Wir machen eine Ausschreibung und suchen uns einen IT-Dienstleister, der unser Konzept umsetzt.“

Grosse IT-Dienstleister sind Tanker, die für noch grössere Tanker agieren und damit das Projekt nicht unbedingt schneller und besser machen. In der Ausschreibung werden die Anforderungen meist schon sehr präzise definiert. Das Ergebnis ist, dass der IT-Dienstleister nicht mehr denkt, sondern umsetzt was vorgegeben ist. Das ist einfacher, bei vorgegebenem Budget effizienter und vorallem risiko-ärmer. Denn mit guten Ideen würde er womöglich seinen Ausschluss aus dem Verfahren riskieren. Also lieber 1 zu 1 umsetzen, was gewünscht ist und bloss nichts hinterfragen. Sicher kennst auch du Apps, die nach Ausschreibungen mit immensen staatlichen Fördermitteln entwickelt (nicht konzipiert) wurden und wo das Ergebnis wirklich ernüchternd ist. Meine Empfehlung: Sucht euch die kleinen, die hungrigen, die kreativen schon in der Konzept-Phase bevor die Ausschreibungs-Kriterien so formuliert sind, dass nur die Tanker in der Lage sind teilzunehmen und die Kriterien "abzuarbeiten".


4. „Wir beauftragen eine Agentur Nutzer-Befragungen durchzuführen, dann sind wir auf der sicheren Seite.“

Wenn Apple seine Mac-Nutzer gefragt hätte, was sie sich wünschen, hätte sicher niemand geantwortet „ein Smartphone ohne Tasten“. Apple ist aber kein grosser Freund von Nutzer-Befragungen und lässt stattdessen die eigenen Mitarbeiter denken. Die grosse Gefahr von 

Nutzer-Befragungen ist, dass sich die Mitarbeiter mangels Kreativität hinter den Befragungsergebnissen „verstecken“.


Nutzer-Tests - idealerweise in einer möglichst realitätsnahen - Testumgebung sind durchaus sinnvoll, um Teilaspekte der App-Nutzung und Hypothesen möglichst frühzeitig zu validieren. Die Übersetzung dieser Beobachtungen in das Produkt kann aber nur von Experten kommen, die die Möglichkeiten aber auch Gefahren und Kosten einschätzen können. Innovation kommt nach meiner Erfahrung eher von Einzelpersonen, die die Fähigkeit haben Dinge zu sehen, die andere nicht sehen - sei es im Schlaf, im Brainstorming oder bei der Beobachtung eines Usability Tests.


5. „Das App-Team reported an den Bereichsvorstand und der entscheidet.“

Das ist vollkommen in Ordnung unter einer Prämisse: der Bereichsvorstand muss über relevante Erfahrung im App-Geschäft verfügen. Tut er das nicht, kann er die Konsequenzen seiner Entscheidungen nicht beurteilen und läuft Gefahr, das Projekt unwissentlich zu gefährden. Wie gross diese Gefahr ist, hängt wiederum von der Unternehmenskultur ab. Wird offenes Feedback honoriert oder eher bestraft? Gilt „fail fast and learn“ oder werden Fehler eher sanktioniert? Und welche Freiheiten haben die einzelnen Team-Mitglieder? Meine Empfehlung ist, entweder jemand „dazwischenzuschalten“, der über einen entsprechenden Erfahrungsschatz verfügt und auch das Standing hat, dem Bereichsvorstand die Karten auf den Tisch zu legen, oder sicherstellen, dass die Verantwortung bei jemanden liegt, der ihr fachlich auch gerecht werden kann. Leider ist das häufig nicht der Fall. 


So das war der mein letzter Beitrag aus der Reihe „Die häufigsten Denkfehler“. 

Egal ob Startup, Mittelstand oder Corporate - ich hoffe, meine Tipps waren für dich hilfreich oder regen dich zumindest etwas zum Nachdenken kann.


Bis nächste Woche, 

Tom 


PS: Wenn du meinen Blog magst, dann empfehle ihn doch jemanden, für den er nützlich sein könnte. 


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